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Lauras Lächeln

(Auszug aus der Erzählung)

Es ist ein verteufelt anstrengender Tag gewesen, ja, das war es, und ihr Anblick schien die Belohnung für meine Plackerei zu sein, als ich sie heute Nachmittag allein in der Bar sitzen sah.
Ich nahm meinen täglichen Drink, bevor ich mit dem Vorortzug in mein ödes Zuhause fuhr, die Zuflucht eines Verlassenen aber noch nicht Verlorenen. Sie saß am anderen Ende der Theke, als wäre sie mit dem Hocker verwachsen, und sog am Strohhalm ihres Cocktails, ohne dass die Flüssigkeit im Glas weniger wurde. Ein Bild der Gedankenverlorenheit, der Langeweile, des Abwartens oder was auch immer.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich bemerkt hatte, obwohl ihre Augen weit geöffnet waren und den Eindruck voller Konzentration vermittelten. Sie starrten in eine undefinierbare Nähe oder Ferne.
Das Geräusch der Eiswürfel, die ich in meinem Glas schüttelte, war es nicht, wodurch sie schließlich auf mich aufmerksam wurde, denn sie starte noch eine ganze Weile weiter vor sich hin. Aber dann wandte sie ihren Kopf in meine Richtung und sah mich direkt an. Ihre großen, fast runden Augen waren das Fesselndste, was ich je gesehen habe. Aus der Entfernung sahen sie dunkel aus. Aber aus der Nähe – und ich konnte in diese Augen nicht nur aus der Ferne sehen und nahm mein Glas und setzte mich neben sie – aus der Nähe, als ich vor ihr saß und sie ansah, waren ihre Augen ruhige grüne Gewässer, die in eine lockende Tiefe führten.
Ich hatte nicht gefragt, ob der Platz neben ihr frei war, denn er war es, und der Blick, der mich getroffen hatte, musste die Einladung sein, von der ich seit Beginn der Welt geträumt hatte. Die Frau, die zu diesem Blick gehörte, schien nichts anderes erwartet zu haben, als dass ich mich neben sie setzte, denn unsere Unterhaltung floss wie ein wild rauschender Bach, sie brauchte keinen Anfang und sie hat immer noch kein Ende, selbst jetzt nicht.
Laura, die Frau, in deren Augen ich frisch und rettungslos verliebt bin und neben die ich mich in der Bar gesetzt hatte, arbeitet in einem Finanzunternehmen, wie sie mir erzählte, und an ihrem verruchten Fetzen von Jacke und ihrem exzentrischen Kleid sah ich, dass Geld für sie kein Thema war. Sie saß zum ersten Mal in dieser Bar, das war klar. Denn hätte ich hier früher schon irgendwann ihr rotblondes Haar ihren Nacken hinabfließen sehen, ich hätte es nicht vergessen. Wenn sie nicht mehr an ihrem Strohhalm sog und tat, als trinke sie einen Cocktail, entspannten sich ihre Lippen und ihr Mund weitete sich zu einem charmanten Lächeln, das meinen Blick zwar nicht von ihren Augen wegziehen konnte, aber meinen Eindruck verstärkte, dass sie mich mochte; was mich freute, weil ich merkte, dass ich anfing für sie zu glühen, und weil es ein erregendes Gefühl ist, wenn zwei Menschen mit exklusivem Geschmack füreinander sich gefunden haben.
Irgendwann hörte Laura auf, ihren Cocktail mit dem Strohhalm zu kitzeln, und sagte mit ihrem charmanten Lächeln, dass sie morgen sehr früh Termine habe und ausgeschlafen sein müsse, weshalb sie jetzt nach Hause ginge, – wenn ich denselben Weg hätte, könne ich sie begleiten. Ich hatte denselben Weg und er endete in ihrer Wohnung.

Die vollständige Erzählung finden Sie in der Anthologie „Szenen der Angst“.

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Dschingis Kühn - Autor